Der Biergarten: Wo man Bier erlebt
Eine kleine Entstehungsgeschichte samt Knigge und Expertentipps
Lange Tische und Bänke reihen sich schön geordnet aneinander, alte Kastanienbäume mit knorrigen Ästen spenden Schatten und schon aus der Ferne hört man Stimmen, Lachen und Musik: Der Biergarten ist nicht nur ein feines Örtchen für eine zünftige Maß, er ist ein Lebensgefühl. Der traditionelle bayrische Biergarten ist inzwischen zu einer international bekannten und oft nachgeahmten Kulturikone geworden. Doch nicht nur die Atmosphäre ist im Biergarten etwas ganz Besonderes, auch seine Entstehungsgeschichte und die geltenden Benimmregeln sind einzigartig.
Wie sind die ersten Biergärten entstanden?
Die offizielle Geburtsstunde des bayrischen Biergartens ist der 4. Januar 1812, als der König Bayerns Maximilian I. einen Erlass erteilte, der es den Münchner Brauereien erlaubte, ihr selbstgebrautes Bier „auf ihren eigenen Märzenkellern“ an Gäste auszuschenken. Ausschlaggebend für das einzigartige Aussehen der Biergärten wie wir sie heute kennen ist die Formulierung „auf ihren Märzenkellern“.
Die damalige Brauart des untergärigen Bieres erforderte eine kühle Gärung und Lagerung, da das Bier ansonsten schnell ungenießbar wurde und somit war der Biergenuss vorwiegend auf die kalten Monate beschränkt. Doch schon bald hatten die bayrischen Brauereien eine Lösung gefunden und begannen entlang der Isar Bierkeller anzulegen, in denen das Bier das ganze Jahr über schön kühl aufbewahrt werden konnte, auch dank der Eisblöcke, welche im Winter eingelagert wurden und bis lange in den Sommer hinein für eine konstante Kühlung sorgten. Als zusätzliche wärmedämmende Maßnahmen bestreuten sie den Bereich, unter dem sich der Keller befand, mit Kies und bepflanzen ihn mit Kastanienbäumen. Die hohen Bäume spenden viel Schatten, wurzeln dabei aber relativ flach und beschädigen somit das Kellergemäuer nicht.
Ein genialer Nebeneffekt dieser wärmedämmenden Maßnahmen war die Entstehung einer einzigartigen Atmosphäre, einer kleinen Wohlfühloase innerhalb und außerhalb der Stadt, die besonders im Sommer Frische und Erholung spendete. Schon bald wurden die Biergärten (auch „auf dem Keller“ genannt) zum Treffpunkt Tausender Münchner, die auf der Suche nach etwas Abwechslung und einem kühlen Bier waren. Essen, Tische, Stühle, Bänke und mehr wurden damals noch von den Gästen selbst mitgebracht. Die Sitzmöglichkeiten werden heutzutage zwar vom Biergarten zur Verfügung gestellt, jedoch ist es gemäß der Tradition immer noch möglich, die eigene Brotzeit mitzubringen.
Der kleine Biergarten-Knigge
Im selben Erlass von 1812 wird auch unmissverständlich festgelegt, dass die Biergartenbetreiber zwar ihr Bier ausschenken, jedoch keinerlei Speisen außer Brot servieren durften. Dadurch sollte verhindert werden, dass die Biergärten die Klientel der städtischen Wirtshäuser abwarben, die Münchner jedoch störten sich daran kaum und brachten ihr Essen einfach selber mit.
Zwar wurde das königliche Verbot, im Biergarten auch Speisen zu servieren, aufgehoben, bis heute ist es aber in jedem echten bayrischen Biergarten noch erlaubt sein eigenes Essen mitzubringen. Bier und Getränke müssen aber ausschließlich im Biergarten erworben werden. Neben dieser gibt es noch ein paar weitere Eigenheiten des Biergartens, die euch bei eurem nächsten Besuch nützlich sein könnten:
- Setzt man sich zu jemanden an den Tisch, spricht man die Personen an und stellt sich mit dem Vornamen vor. Im Biergarten wird ausnahmslos geduzt.
- An den Stammtisch setzt sich nur, wer eingeladen ist.
- Bei einer Maß wird vor jedem Schluck angestoßen. Ein guter Schnitt sind 10 Mal pro Krug.
- Der letzte Schluck Bier, das Noagerl, bleibt im Krug sonst ist man ein Noagerlzuzla.
Haltet euch an diese Handvoll Tipps und euer nächstes Biergartenerlebnis wird garantiert ein Erfolg!
Biergarten oder Wirtsgarten?
Bevor ihr jetzt gleich eure Brotzeit packt und euch auf die Suche nach dem nächsten Biergarten macht, hier noch ein Tipp für echte Kenner: Nur weil irgendwo Biergarten draufsteht, steckt nicht unbedingt ein Biergarten dahinter. Viele der sogenannten Biergärten sind eigentlich Wirtsgärten.
Anders als beim Biergarten, dürfen im Wirtsgarten keine Speisen mitgenommen werden und es gibt eine Bedienung. Ein Wirtsgarten ist ein Gastronomiebetrieb, in dem Speisen und Getränke nicht eigens an den Buden geholt, sondern beim Personal bestellt werden. Häufig ist auch die Atmosphäre in einem Wirtsgarten etwas formeller als im Biergarten, mit kleinen, gedeckten Tischen für einzelne Gästegruppen anstatt der langen Gemeinschaftstische.
Wir finden, das Eine ist dem Anderen nicht vorzuziehen, denn in beiden kann man richtig gutes Bier genießen und dazu was Feines essen. Doch für ein wirklich authentisches Gefühl des ungezwungenen Zusammenseins und der geselligen Gemütlichkeit geht nichts über einen echten Biergarten.